So sehe ich den Koalitionsvertrag

Posted by on 29 Nov. 2013 in Allgemein, Meinung, Pressemitteilung

Der finale Entwurf des Koalitionsvertrages liegt seit gestern vor und wird heftig diskutiert. Jetzt liegt es an den Mitgliedern der SPD, darüber im Mitgliedervotum zu entscheiden. Meine Stimme zählt bei diesem Votum nicht mehr und nicht weniger als die jedes anderen SPD-Mitglieds. Als Abgeordneter und Vorsitzender der südpfälzischen SPD gibt es aber natürlich ein etwas gesteigertes Interesse an meiner persönlichen Meinung, zumal ich mich seit den Wahlen häufiger kritisch zur Großen Koalition geäußert habe. Koalitionen mit einer so überwältigenden parlamentarischen Mehrheit sehe ich auch weiterhin skeptisch und als letzten Ausweg, wenn keine andere realistische Option vorhanden ist. Diese sehe ich aber nicht als gegeben, weshalb die Inhalte für mich entscheidend sind. Da ich mich nun sowohl in der Fraktion als auch öffentlich für den Vertrag ausgesprochen habe, will ich meine Sicht kurz erläutern, ohne dass dies als Überredungsversuch gedeutet werden soll. Denken und eine eigene Meinung bilden können meine Genossinnen und Genossen selbst.

In den letzten Wochen haben wir schon viel über die Wasserstandmeldungen diskutiert, besonders interessant war aber die letzte Verhandlungsnacht. Hier wurden die meisten Knackpunkte entschieden und ich bin positiv überrascht, wie viele meiner Kernforderungen im endgültigen Vertrag enthalten sind. Am Ende steht für mich die Überzeugung: Ja, da steckt viel SPD drin. An dieser Stelle empfehle ich einen Blogbeitrag von Frank Stauss, der die Frage nach Verbesserungen für Menschen anschaulich darstellt. Natürlich gibt es auch die sogenannten „Kröten“, die man als Sozialdemokrat ungern schluckt. Allerdings würde ich da zwei Arten unterscheiden: Es gibt die Kröten, die im Vergleich zum Status Quo neu hinzukommen, wie die PKW-Maut. Und es gibt die Kröten, die sich bereits jetzt auf den Straßen tummeln und da auch bleiben, wenn wir den Koalitionsvertrag ablehnen, wie das Betreuungsgeld oder die mangelnde Steuergerechtigkeit.

Dem sind die vielen positiven Dinge gegenüberzustellen, die wir in einer Großen Koalition umsetzen können und die ich im Vergleich zu Schwarz-Gelb durchaus als Politikwechsel bewerte. An erster Stelle der Mindestlohn. Und gleich dazu: Nein es ist kein „fauler Kompromiss“ wie ihn so einige Skeptiker bezeichnen. Er entspricht unseren Kernüberlegungen und ist mit unsrem wichtigsten Partner – dem DGB – abgestimmt. Dass wir die Rente mit 63 (bei 45 Beitragsjahren) durchsetzen konnten und dazu noch die solidarische Lebensleistungsrente von 850€ bekommen, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Besonders wichtig ist für mich auch die kommunale Sicht: Was können wir gerade für unsere südpfälzischen Kommunen erreichen? Entlastungen von jährlich 5 Mrd. € durch die Verabschiedung eines Bundesteilhabegesetzes, 600 Mio. € zusätzlich für Städtebauförderungen, Erhalt der Gewerbesteuer und die Wiederbelebung des Programms „Soziale Stadt“ werden auch bei uns spürbar sein, ebenso die erhöhten Investitionen in die Infrastruktur von 5 Mrd. €. Auch im Bereich der Gleichstellung von Frau und Mann können wir durch die Frauenquote und im Bereich „Equal Pay“ durch ein Entgeltgleichheitsgesetz wesentliche Fortschritte erzielen. Mietpreisbremse, Finanztransaktionssteuer, 4 Mrd. € mehr für Pflege, 6 Mrd. € mehr für Bildung und die Abschaffung des Optionszwangs sind weitere Verhandlungserfolge.

Es bleiben aber natürlich noch viele Felder, bei denen wir uns nicht wie gewünscht durchsetzen konnten. Das Betreuungsgeld halte ich weiterhin für Unsinn, die sachgrundlose Befristung gehört abgeschafft, das Steuersystem ist mir zu ungerecht, wir brauchen die Doppelte Staatsbürgerschaft und die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren, und die Beschlüsse zu Europa gehen mir auch nicht weit genug. Ich sehe aber nicht, wie ein Ablehnen des Koalitionsvertrages in diesen Punkten bessere Ergebnisse liefern soll. Für mich ist das kein Anlass, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern ein Auftrag, weiter politisch dafür und für eigene Mehrheiten zu kämpfen! Und ich glaube, dass weitere Fortschritte in Regierungsverantwortung doch besser zu erreichen sind, als auf der vermeintlich bequemen Oppositionsbank. Deshalb stimme ich beim Mitgliedervotum für den Koalitionsvertrag.

Mehr

Vergleich: Koalitionsvertrag - Beschluss Parteikonvent

Posted by on 27 Nov. 2013 in Allgemein, Pressemitteilung

Der Koalitionsvertrag steht. Zum Einstieg haben wir versucht, eine kleine Übersicht zusammenzustellen, in der die Forderungen aus dem Beschluss des SPD-Parteikonvents mit dem Koalitionsvertrag verglichen werden.

 

  1. Umgesetzte Forderungen des Parteikonventbeschlusses

Forderung 1: Arbeit

  • Einführung eines flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohns von 8,50€. Der Beschluss deckt sich inklusive der Ausnahmeregelungen mit den Forderungen des DGB (S. 68).
  • Bekämpfung von Missbrauch in Leih- und Zeitarbeit, sowie sogenannter „Werkverträge“ (S. 69).

Forderung 2: Rente

  • Abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren ab 63. Lebensjahr, Anhebung auf 65 Jahre parallel zu Regelung Rente mit 67 (S. 72).
  • Verbesserung der Absicherung erwerbsgemindeter Menschen (S. 72) und Einführung einer solidarischen Lebensleistungsrente von 850 € (S. 73).
  • Angleichungsprozess Rentensysteme Ost- und West spätestens ab 2017 (S. 74).

Forderung 3: Pflege

  • Bessere Anerkennung Pflegebedürftigkeit (S. 83).
  • Erhöhung Beitragssatz (S. 86).

Forderung 4: Gleichstellung

  • Equal Pay: Entgeltgleichheitsgesetz (S. 103).
  • Geschlechterquote von 30% für börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen ab 2016 und weitere Maßnahmen für Privatwirtschaft und Wissenschaft (S. 102f.).
  • Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf (S. 97f.).
  • Verbesserung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften (S. 105).

Forderung 5: Gleichberechtigte Teilhabe MigrantInnen

  • Abschaffung des Optionszwangs (S. 105).
  • Verbesserung für Flüchtlinge (S. 108ff.).

Forderung 6: Kommunen stärken und bezahlbare Mieten

  • Kommunen finanziell stärken, Bundesteilhabegesetz erarbeiten (S. 94f./S. 111).
  • Verbesserung Mieterschutz, Möglichkeit Einführung Mietpreisbremse durch Länder, Bestellerprinzip bei Maklern (S. 114f.).

Forderung 7: Infrastruktur und Energiewende

  • Investitionen in Infrastruktur (S. 14/S. 39f.).
  • Kostenbremse bei Energiewende bei weiterem Ausbau Erneuerbarer Energie (S. 49ff.)

Forderung 8: Bildung, Ausbildung, Wissenschaft

  • Bildungssystem stärken und Chancengleichheit erhöhen (S. 26ff.).
  • Verbesserung Vereinbarkeit Familie und Beruf (S. 97).

Forderung 9: Finanzmärkte

  • Regulierung Finanzmärkte (S. 63ff./S. 93).
  • Einführung Finanztransaktionssteuer (S. 64).
  • Bekämpfung Steuerbetrug (S. 92).

Forderung 10: Europa

  • Nachhaltige Wachstumsstrategie (S. 159f.).
  • Bekämpfung Jugendarbeitslosigkeit (S. 162f.).
  • Weitere Demokratisierung und Stärkung des Europaparlaments (S. 165).
  • Im Jahr 2000 beschlossene politische Grundsätze für Rüstungsexport verbindlich und Anstreben einer Angleichung der Regelungen in der EU (S. 16).

  1. Nicht umgesetzte Forderungen des Parteikonventbeschlusses

Nicht im Koalitionsvertrag enthalten sind die folgenden Forderungen:

Forderung 1: Arbeit

  • Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen.

Forderung 5: Gleichberechtigte Teilhabe MigrantInnen

  • Ermöglichung der Mehrstaatigkeit bei der Einbürgerung.

Forderung 8: Bildung, Ausbildung, Wissenschaft

  • Abschaffung des Kooperationsverbots bei Hochschulen und Schulen. Allerdings ist eine stärkere finanzielle Förderung der Hochschulen durch den Bund vorgesehen.
Mehr
Folgen

auf Facebook

auf Twitter