Reisevorbereitungen und Hinflug
Gemeinsam mit einer Delegation aus drei weiteren Bundestagsabgeordneten und der Vizepräsidentin des Bundestags, Ulla Schmidt, konnte ich am Wochenende vom 6. bis 8. März 2014 an einer Reise des Verteidigungsstaatssekretärs Markus Grübel nach Afghanistan teilnehmen. Mit einer Mischung aus Spannung und Vorfreude, aber auch großen Bedenken bereitete ich mich auf die Reise vor. Schließlich erwartete mich kein Urlaubstrip, sondern meine erste Reise in ein Krisengebiet, von der aus Sicherheitsgründen vorab nur ein sehr kleiner Kreis Bescheid wissen durfte. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen besteht dabei schließlich ein nicht unerhebliches persönliches Risiko, dessen ich mir sehr bewusst war. Zwei Wochen zuvor erst haben wir das ISAF-Mandat im Deutschen Bundestag verlängert.
Ich habe mit meiner ersten Rede vor dem Plenum für diese Verlängerung geworben und mich dementsprechend intensiv in das Thema eingearbeitet. Eine solche Entscheidung ist mit einer enormen Verantwortung verbunden und ich bin der Meinung, dass es zu dieser Verantwortung gehört, sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Mit Visum und Diplomatenpass im Gepäck kam ich am Donnerstag, den 6. März, kurz vor 18 Uhr in Berlin-Tegel an und wurde vom zivilen zum militärischen Bereich des Flughafens gebracht. Von dort ging es mit einer Maschine der Flugbereitschaft in 6 Stunden nach Termez in Usbekistan und nach zwei Stunden Aufenthalt mit der Transall weiter in die Hauptstadt Afghanistans, Kabul.
Mit dem Reiseziel vor Augen, einem mulmigen Gefühl im Magen, einem Helm auf dem Kopf und einer schusssicheren Weste über der Jacke wäre dieser anderthalbstündige Flug eigentlich schon Abenteuer genug.
Tag 1: Kabul
Endlich in Afghanistan angekommen wurden wir um 10 Uhr Ortszeit begrüßt und fuhren anschließend zur Besichtigung des Gemeinsamen Lagezentrums und von dort weiter zum Nationalen Unterstützungselement beim Hauptquartier ISAF. Ich saß in einem schwer gepanzerten Geländefahrzeug, das gleichzeitig als Leitfahrzeug diente. Neben mir eine Kollegin aus dem Bundestag auf der einen Seite, ein Maschinengewehr auf der anderen. Durch ein kleines Fenster sah ich die Straßen Kabuls, auf der viele bewaffnete Männer unterwegs waren. Solche Eindrücke prasselten nun im Minutentakt auf mich ein und so richtig konnte ich die Lage, in der ich mich befand, auch nicht wirklich realisieren. Am Mittwoch zuvor war ich noch bei traditionellen Heringsessen in der Südpfalz gewesen, für Sonntag stand das Schlachtfest in Ilbesheim auf meinem Terminkalender und dazwischen befand ich mich nun in dieser Hochsicherheitszone. Ich fühlte mich wie in einem Film. Die Autofahrten verliefen aber glücklicherweise ohne größere Vorkommnisse, so dass wir alle geplanten Termine wahrnehmen konnten. Beim Mittagessen führten wir sehr interessante Gespräche mit Mitgliedern der deutschen Einheiten, die unseren Besuch sichtbar als Anerkennung wahrnahmen und schätzten. Zur gleichen Generation wie die meisten Soldatinnen und Soldaten zu gehören, empfand ich dabei durchaus als Vorteil um ins Gespräch zu kommen und viele persönliche Eindrücke mitzunehmen. Randnotiz: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es den bisherigen Erlebnissen und Umständen geschuldet war, aber das gegrillte Hühnchen in Kabul war das bisher beste meines Lebens. Im ISAF-Hauptquartier ging es dann in einer Gesprächsrunde mit dem deutschen Leitungspersonal weiter, die uns wichtige Einblicke in die Perspektive der militärischen Führung gaben. Im Anschluss daran trafen wir den Deutschen Botschafter in Afghanistan, Martin Jäger, zu einem Gespräch mit hausgemachtem Apfelkuchen über die Entwicklung der afghanischen Zivilgesellschaft und flogen dann weiter nach Masar-e Sharif.
Tag 1: Masar-e Sharif
In Masar-e Sharif wurden wir vom Kommandeur des Regionalkommandos Nord, Brigadegeneral Schütt, empfangen und gedachten anschließend am Ehrenhain den Gefallenen. Dieser Moment führte noch einmal eindrucksvoll vor Augen, welche Verantwortung wir als Bundestagsabgeordnete haben, wenn wir die Teilnahme an militärischen Einsätzen beschließen und welche möglichen Konsequenzen auch mein ganz persönliches Abstimmungsverhalten nach sich zieht. Mit diesen Gedanken und Gänsehaut am gesamten Körper gingen wir zum Abendessen mit dem Camp Commander und den leitenden Offizieren, mit denen wir sehr intensive Gespräche führten. Im Anschluss habe ich mir – zu später Stunde und hundemüde – noch die so genannte „Oase“ zeigen lassen. Den abendlichen Treffpunkt der Soldatinnen und Soldaten. Spannend, auch wenn es ein etwas ungewohntes Bild war, bewaffnete tanzende Menschen in Militärkleidung zu sehen. Übrigens gilt für die Einsatzkräfte eine strikte Zwei-Bier-Regelung. Zugegeben, auch das ist für einen Südpfälzer ein eher ungewohntes Bild.
Tag 2: Masar-e Sharif
Wirklich gut geschlafen habe ich bei meiner ersten Nacht auf afghanischem Boden nicht. Zu viele Gedanken schwirrten durch meinen Kopf, zu viele Eindrücke wollten verarbeitet werden. Ich war froh, diese beim Frühstück mit meinen Bundestagskolleginnen (ich war der einzige männliche Abgeordnete der Delegation) und den Soldatinnen und Soldaten teilen zu können. Dicht getaktet ging unser Programm weiter im Regionalkommando Nord, wo wir in einem intensiven Briefing über die Lage im Gebiet, die anstehenden Wahlen in Afghanistan und die Entwicklungen informiert wurden. Dies bestätigte mich in meinem Eindruck, dass dieser Einsatz zwar schmerzhaft, aber nicht ergebnislos ist. Es gibt weiterhin große Probleme und die Gefährdungslage ist in vielen Teilen des Landes noch erheblich. Aber in so vielen Bereichen gibt es auch Fortschritte, die das Leben von so vielen Menschen verbessern. Beispielsweise hat die Alphabetisierung in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen, was kein kurzfristiger Erfolg ist, sondern eine Investition in die Zukunft einer ganzen Generation. Aber auch bei den Grundbedürfnissen wie dem Zugang zu sauberem Wasser geht es schrittweise voran. Beständig wachsende Fortschritte, die zum Wachstum aber auch Sicherheit benötigen. Und genau dazu leisten wir einen wichtigen Beitrag. Und zu diesem Beitrag sind – leider – nun mal auch Waffen notwendig, die wir beim Besuch eines Hangars vorgeführt bekamen. Ich gebe zu, der Transporthelikopter NH90 und der Kampfhubschrauber UH Tiger haben mich durchaus leicht beeindruckt.
Nach einem Mittagessen mit den Kompaniefeldwebeln ging es erneut um militärisches Gerät. Uns wurde zunächst die Materialschleuse vorgestellt, über die ein großer Teil der Rückverlegung des Einsatzkontingents nach Deutschland läuft. Die mobilen logistischen Kräfte wurden uns dann beim Besuch der Instandsetzungskompanie in einer Leistungsschau vorgestellt. Hier hatten wir die Möglichkeit, einmal selbst in verschiedene Fahrzeuge zu steigen. Mit der schweren Schutzweste fällt der Einstieg übrigens wesentlich schwerer, als man zunächst denkt. Diese Perspektive kennenzulernen gehört aber zu einer möglichst ganzheitlichen Einschätzung militärischer Operationen auf jeden Fall mit dazu. Genauso auch der Besuch eines Hospitals und die Vorstellung der klinischen Akutversorgung im Einsatzlazarett, die mich sehr beeindruckte. Eine äußerst wichtige Investition, gerade auch mit dem Blick auf das Wohl der Soldatinnen und Soldaten. Nach einem Abschlussgespräch im Hauptquartier des Regionalkommandos Nord ging es um 17:30 Uhr mit der Transall zurück nach Termez und nach einem Gespräch mit dem Kommandeur des dortigen Strategischen Lufttransportstützpunktes um 19 Uhr wieder zurück nach Berlin.
Fazit
Etwas über 50 Stunden dauerte das gesamte Programm vom Abflug am 6. März bis zur Wiederankunft in Berlin am 8. März. Diese Stunden gehören sicherlich zu den intensivsten Erlebnissen meines bisherigen Lebens. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen durfte, weil sie mir die praktischen Konsequenzen meiner Arbeit im Deutschen Bundestag und im Verteidigungsausschuss so deutlich vor Augen führten, wie es kein noch so guter Bericht je tun könnte. Ich konnte unheimlich viele Eindrücke mitnehmen, die mich teils sehr nachdenklich, teils aber auch hoffnungsfroh stimmten. Viele Hausaufgaben und Einblicke, aber auch Kontakte, die ich nicht missen möchte. Eine faszinierende, aber auch verstörende Reise. Intensiv und informativ. Ich habe gestaunt, hatte Angst, war begeistert und ermutigt. Meine Entscheidung, daran teilzunehmen, war richtig. Für meine Arbeit konnte ich unheimlich viel mitnehmen.











